Wer kennt das nicht: Im Supermarkt lockt ein verlockend verpackter Kuchen mit einem attraktiven Mengenrabatt. Die Packung verspricht Genuss, und beim Blick auf die Nährwerttabelle scheint auch die Kalorienzahl pro Portion akzeptabel. Doch beim genaueren Hinsehen offenbart sich eine Täuschung, die weitreichende Folgen für die Gesundheit haben kann. Die angegebenen Portionsgrößen bei verpackten Kuchen entsprechen oft nicht der Realität – und genau darin liegt ein systematisches Problem, das Verbraucher in die Irre führt.
Das Spiel mit unrealistischen Portionsangaben
Die Krux liegt in der Mathematik der Nährwertkennzeichnung. Hersteller sind verpflichtet, Nährwertangaben zu machen – dürfen aber selbst festlegen, was sie als Portion definieren. Bei einem 400-Gramm-Kuchen werden nicht selten acht oder sogar zehn Portionen angegeben. Das klingt zunächst plausibel, bedeutet aber in der Praxis: Eine Portion soll lediglich 40 bis 50 Gramm betragen. Wer jedoch schon einmal ein Stück Kuchen abgeschnitten hat, weiß, dass diese Menge eher einem dünnen Scheibchen entspricht als einem tatsächlichen Kuchenstück.
Ein bundesweiter Marktcheck der Verbraucherzentralen, bei dem 211 Lebensmittel untersucht wurden, bestätigt dieses Vorgehen: Bei ungekühlten und konservierten Kuchen geben Hersteller regelmäßig Portionsgrößen zwischen 35 und 50 Gramm an. Tiefgefrorene Kuchen werden oft mit 80 bis 100 Gramm pro Portion gekennzeichnet – ein deutlicher Unterschied, der willkürlich erscheint. Das Perfide dabei: Die Kalorienangabe bezieht sich auf diese Miniaturportion. Steht auf der Verpackung nur 150 Kalorien pro Portion, wirkt das harmlos. Nimmt man sich jedoch ein normales Stück – was eher 100 bis 150 Gramm entspricht – hat man bereits 300 bis 450 Kalorien verzehrt.
Mengenrabatte als psychologischer Verstärker
Besonders raffiniert wird diese Strategie, wenn Mengenrabatte ins Spiel kommen. Aktionsangebote wie 3 für 2 oder 20 Prozent mehr Inhalt zum gleichen Preis suggerieren ein besonders gutes Geschäft. Psychologisch funktioniert das hervorragend: Wir Menschen sind darauf programmiert, Schnäppchen zu erkennen und zu nutzen. Was dabei untergeht, ist die simple Tatsache, dass mehr Produkt im Haushalt auch mehr Konsum bedeutet. Wissenschaftliche Studien belegen diesen Zusammenhang eindeutig.
Eine Untersuchung von Vandenbroele und Kollegen aus dem Jahr 2019 zeigte, dass beim Angebot größerer Portionen deutlich mehr konsumiert wird, als wenn die gleiche Menge in mehreren kleineren Einheiten angeboten wird. Ein systematisches Review, das 40 Studien analysierte, kam zum selben Ergebnis: Kleinere Verpackungsgrößen, eine Aufteilung auf Portionen und Wiederverschließbarkeit führen allesamt zu einer geringeren Aufnahmemenge. Bei haltbaren Produkten wie verpackten Kuchen kommt ein weiterer Faktor hinzu – sie liegen griffbereit in der Küche und verführen zum spontanen Zugreifen.
Die versteckte Kostenfalle
Interessanterweise zahlen Verbraucher durch diese Strategie gleich doppelt: Zum einen finanziell, da der vermeintliche Mengenrabatt oft zum Kauf größerer Mengen verleitet, die man eigentlich nicht benötigt. Zum anderen gesundheitlich, da der tatsächliche Kaloriengehalt systematisch unterschätzt wird. Eine 400-Gramm-Packung Kuchen enthält je nach Sorte zwischen 1.000 und 1.400 Kalorien – bei besonders fett- oder cremehaltigen Varianten kann dieser Wert noch höher liegen. Die Kombination aus vermeintlichem Sparangebot und verharmlosender Portionsangabe schafft so eine doppelte Falle.
Warum realistische Portionsgrößen fehlen
Die Frage liegt nahe: Warum gibt es keine einheitlichen, realistischen Standards für Portionsangaben? Die Antwort ist ernüchternd. Während die Lebensmittelinformationsverordnung detaillierte Vorgaben zur Nährwertkennzeichnung macht, bleibt die Definition einer Portion den Herstellern überlassen. Es existiert lediglich die Verpflichtung, Nährwerte pro 100 Gramm anzugeben – eine Information, die viele Verbraucher jedoch ignorieren oder nicht richtig einordnen können.
Die Verbraucherzentralen stellten in ihrem Marktcheck fest, dass Hersteller diese Freiheit ausgiebig nutzen. Bei Keksen beispielsweise wurden 15 verschiedene Portionsgrößen zwischen 5 und 44 Gramm gefunden – ein Hinweis darauf, wie willkürlich die Einteilung erfolgt. Fruchtgummischlangen und Schokoladenriegel wurden nach Belieben geteilt, ohne dass erkennbare Standards dahinterstehen. Für Hersteller besteht ein klarer Anreiz, die Portionen klein zu rechnen. Je niedriger die Kalorienangabe pro Portion, desto gesünder wirkt das Produkt auf den ersten Blick.

Tatsächlich zeigt die Forschung, dass Unternehmen die Kennzeichnung durch kleine Portionsgrößen manipulieren können, was die Vergleichbarkeit erschwert und Verbraucher in die Irre führt. In einem wettbewerbsintensiven Markt kann dies den entscheidenden Unterschied machen. Ein Kuchen mit nur 120 Kalorien pro Portion verkauft sich vermutlich besser als einer mit ehrlichen 360 Kalorien pro Stück.
Praktische Konsequenzen für den Alltag
Die irreführenden Portionsangaben haben reale Auswirkungen auf Ernährungsgewohnheiten und Gesundheit. Wer versucht, Kalorien zu zählen oder sein Gewicht zu kontrollieren, verlässt sich naturgemäß auf die Angaben der Hersteller. Wenn diese jedoch die Realität um das Zwei- bis Dreifache unterschreiten, ist jede Kalorienbilanz hinfällig. Eine nicht repräsentative Umfrage der Verbraucherzentralen mit 1.490 Teilnehmenden ergab, dass die tatsächlichen Portionsgrößen der Verbraucher deutlich über den Herstellerangaben liegen.
Bei Chips beispielsweise war die durchschnittliche selbst definierte Portion mit 63 Gramm mehr als doppelt so groß wie die auf der Verpackung angegebenen 30 Gramm. Ähnliche Diskrepanzen zeigten sich bei Müsli und anderen Produkten. Besonders problematisch wird es bei Kindern und Jugendlichen. Eltern, die auf die Ernährung ihrer Kinder achten möchten, orientieren sich ebenfalls an den Verpackungsangaben. Ein Stück Kuchen als Nachtisch erscheint vertretbar – wenn man nicht weiß, dass das tatsächliche Stück deutlich mehr Kalorien enthält als angegeben.
Der Blick hinter die Kulissen der Nährwerttabelle
Ein praktisches Beispiel verdeutlicht das Ausmaß: Ein handelsüblicher Marmorkuchen wiegt 500 Gramm und wird in zehn Portionen à 50 Gramm aufgeteilt. Die Nährwerttabelle gibt 180 Kalorien pro Portion an. Schneidet man den Kuchen jedoch realistisch in acht Stücke, enthält jedes Stück 62,5 Gramm und damit 225 Kalorien – 25 Prozent mehr als angegeben. Bei einem Schokokuchen oder einem besonders fettreichen Rührkuchen kann die Differenz noch größer ausfallen. Die Problematik verschärft sich durch die Tatsache, dass Portionsgrößen für Etiketten entworfen wurden, nicht für Essgewohnheiten, was die Kluft zwischen Angabe und Realität erklärt.
Strategien für informierte Kaufentscheidungen
Verbraucher sind dieser Situation nicht hilflos ausgeliefert. Mit einigen praktischen Tricks lässt sich die Täuschung durchschauen. Immer die 100-Gramm-Angabe prüfen – diese ist verpflichtend und erlaubt einen realistischen Vergleich zwischen Produkten. Die Gesamtpackung durchrechnen: Gewicht der Packung mal Kalorien pro 100 Gramm ergibt den Gesamtkaloriengehalt. Diesen dann durch die tatsächliche Anzahl realistischer Portionen teilen.
Portionsgrößen kritisch hinterfragen und überlegen, wie groß das tatsächliche Stück Kuchen ist. Eine Küchenwaage schafft anfangs Klarheit. Mengenrabatte sollten kritisch bewertet werden: Brauche ich wirklich drei Packungen? Führt das Angebot dazu, dass ich mehr esse als geplant? Auf das Kleingedruckte achten – manchmal steht in winziger Schrift entspricht 1/12 der Packung, ein Hinweis darauf, wie unrealistisch die Portion ist.
Was sich ändern muss
Verbraucherschützer fordern seit Jahren einheitliche, realitätsnahe Standards für Portionsangaben. Eine repräsentative Befragung von über 2.000 Verbrauchern im Jahr 2024 ergab, dass 59 Prozent der Befragten die Regelung der Mengenkennzeichnung nicht verstehen – ein alarmierendes Zeichen dafür, dass das aktuelle System nicht funktioniert. In anderen Ländern gibt es bereits Ansätze: Manche Regulierungsbehörden definieren Mindestgrößen für bestimmte Produktkategorien oder verlangen zusätzliche Angaben für übliche Verzehrmengen.
Ein transparenteres System würde nicht nur die Gesundheit fördern, sondern auch ehrlichen Herstellern zugutekommen, die derzeit im Wettbewerb benachteiligt sind, wenn sie realistische Portionsgrößen angeben. Die Forderung nach Klarheit ist keine Bevormundung, sondern die Grundlage informierter Entscheidungen. Bis dahin bleibt Verbrauchern nur die Eigenverantwortung: kritisch hinschauen, nachrechnen und sich nicht von verlockenden Angeboten und beruhigenden Kalorienangaben einlullen lassen. Denn ein verpackter Kuchen mag verlockend sein – die Wahrheit über seinen Kaloriengehalt verdient es jedoch, ans Licht zu kommen.
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