Während die meisten Kambodscha-Reisenden sich in den überfüllten Tempeln von Angkor Wat drängen, liegt im Nordwesten des Landes ein archäologisches Juwel praktisch im Dornröschenschlaf: Banteay Chhmar. Diese weitläufige Tempelanlage aus dem 12. Jahrhundert bietet Familien im Januar die seltene Gelegenheit, zwischen jahrhundertealten Ruinen zu wandern, ohne dabei von Touristenmassen umgeben zu sein. Die trockene Jahreszeit sorgt für angenehme Temperaturen um 25-28 Grad, perfekt für Erkundungstouren mit Kindern, während die grüne Landschaft nach der Regenzeit noch in sattem Grün erstrahlt.
Ein vergessenes Königreich für abenteuerlustige Familien
Banteay Chhmar bedeutet übersetzt „die kleine Zitadelle“ – eine bescheidene Bezeichnung für einen Tempelkomplex, der in seiner Blütezeit über neun Quadratkilometer umfasste. König Jayavarman VII. ließ diese monumentale Anlage zu Ehren seines Sohnes und vier gefallener Generäle errichten. Was diesen Ort für Familien so besonders macht, ist die authentische Atmosphäre: Kinder können zwischen bemoosten Steinblöcken klettern, geheimnisvolle Durchgänge erkunden und sich vorstellen, wie hier vor 800 Jahren das Leben pulsierte, ohne dass ein Absperrband oder Wachpersonal die Fantasie einschränkt.
Die spektakulären Bas-Reliefs erzählen Geschichten von epischen Schlachten, mythologischen Wesen und dem Alltagsleben im alten Khmer-Reich. Besonders beeindruckend sind die acht Meter hohen Avalokiteshvara-Darstellungen – mehrarmige Gottheiten, die selbst die jüngsten Familienmitglieder ins Staunen versetzen. Anders als in den restaurierten Haupttempeln Angkors wirkt Banteay Chhmar noch wie eine echte Entdeckung, bei der umgestürzte Säulen und von Wurzeln überwucherte Mauern die Vergänglichkeit von Zivilisationen greifbar machen.
Budgetfreundliche Unterkunft im Herzen der Gemeinschaft
Das Besondere an Banteay Chhmar ist das gemeindebasierte Tourismusmodell: Die lokale Bevölkerung betreibt einfache, aber herzliche Homestays für etwa 8-12 Euro pro Person und Nacht, inklusive Mahlzeiten. Für Familien bedeutet das nicht nur erhebliche Ersparnisse, sondern auch authentische kulturelle Begegnungen. Die Gastfamilien wohnen in traditionellen Holzhäusern auf Stelzen, und obwohl die Unterkünfte schlicht sind, verfügen sie über Moskitonetze, Ventilatoren und saubere Sanitäranlagen.
Die gemeinsamen Abendessen mit der Gastfamilie werden zu unvergesslichen Erlebnissen: Kinder helfen beim Reiskochen auf offenem Feuer, lernen ein paar Wörter Khmer und probieren hausgemachtes Amok oder würzige Papaya-Salate. Diese direkte Interaktion mit Einheimischen vermittelt Kindern Werte wie Weltoffenheit und Dankbarkeit auf eine Weise, die kein Luxushotel bieten kann. Wer mehr Privatsphäre wünscht, findet auch einige kleine Gästehäuser für 15-20 Euro pro Nacht mit eigenem Bad und etwas mehr Komfort.
Entdeckungstouren für jedes Alter
Der Haupttempel lässt sich in zwei bis drei Stunden erkunden, doch die Umgebung bietet deutlich mehr. Mit dem Fahrrad – verfügbar für etwa 2-3 Euro pro Tag – können Familien das umliegende Dorfleben entdecken. Die flachen Landstraßen führen durch Reisfelder, an Lotusblumen-Teichen vorbei und zu kleineren Satellitentempeln, die vollkommen menschenleer sind. Für Kinder wird die Fahrt zum Abenteuer, wenn sie Wasserbüffel beobachten, Enten zählen oder den winkenden Dorfbewohnern zurufen.
Ein Höhepunkt für die ganze Familie ist der Besuch des nahegelegenen Stausees, wo im Januar das Wasser noch reichlich vorhanden ist. Hier kann man für wenige Euro ein einfaches Boot mieten und über das ruhige Gewässer gleiten, während Kinder nach Vögeln Ausschau halten. Der Sonnenuntergang über dem Wasser, mit Blick auf die Tempelsilhouetten in der Ferne, sorgt für Fotomomente, die noch lange in Erinnerung bleiben.
Kulturell interessierte Familien sollten den Seidenweberei-Workshop nicht verpassen. Für etwa 5 Euro pro Person können Kinder und Erwachsene lernen, wie aus Seidenraupenkokons kunstvolle Stoffe entstehen. Die lokalen Weberinnen zeigen geduldig jeden Schritt, und Kinder dürfen selbst Hand anlegen – eine praktische Geschichtsstunde über traditionelles Handwerk.

Kulinarische Entdeckungen ohne Touristenpreise
In Banteay Chhmar gibt es keine schicken Restaurants, und genau das macht den Ort so budgetfreundlich. Die Marktküchen im Dorfzentrum servieren dampfende Nudelsuppen, gebratenen Reis und frische Frühlingsrollen für 1,50-3 Euro pro Gericht. Die Portionen sind großzügig, und viele Gerichte lassen sich auch für europäische Kindergaumen mild zubereiten. Ein Familienessen mit Getränken kostet selten mehr als 12-15 Euro.
Besonders empfehlenswert sind die mobilen Frühstücksstände, die morgens dampfendes Baguette mit verschiedenen Füllungen anbieten – ein köstliches Relikt der französischen Kolonialzeit. Für 1 Euro erhält man ein gefülltes Brot, das energiereich genug für mehrere Stunden Tempelerkundung ist. Frisches Obst vom Markt – Rambutan, Mangostanen, Drachenfrüchte – kostet nur Cent-Beträge und wird zu gesunden Snacks für zwischendurch.
Praktische Fortbewegung und Anreise
Banteay Chhmar liegt etwa 160 Kilometer nordwestlich von Siem Reap. Die Anreise erfolgt am besten mit einem gemieteten Minibus oder Taxi, was für eine Familie 40-60 Euro kostet und etwa drei Stunden dauert. Wer Zeit und Abenteuerlust hat, kann auch den lokalen Bus nehmen, der nur 5-8 Euro pro Person kostet, allerdings länger braucht und weniger Komfort bietet.
Vor Ort bewegt man sich hauptsächlich zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Für Familien mit kleineren Kindern gibt es die Möglichkeit, ein Tuk-Tuk für Tagestouren zu mieten – etwa 15-20 Euro für einen ganzen Tag mit Fahrer. Die Fahrer kennen nicht nur die Sehenswürdigkeiten, sondern fungieren auch als informelle Reiseführer und übersetzen bei Bedarf.
Warum gerade Januar die ideale Reisezeit ist
Der Januar markiert die Hochphase der Trockenzeit in Kambodscha. Die Luftfeuchtigkeit ist deutlich niedriger als in anderen Monaten, was besonders Familien mit Kindern entgegenkommt. Die Temperaturen sind warm, aber nicht drückend heiß, und Regenschauer sind äußerst selten. Die Landschaft zeigt sich noch grün von der zurückliegenden Regenzeit, während die Wege bereits trocken und gut befahrbar sind.
Ein weiterer Vorteil: Selbst im Januar, wenn Angkor Wat von Besuchern überströmt wird, bleibt Banteay Chhmar ruhig. Familien haben die Tempel oft für sich allein, können in Ruhe picknicken zwischen den Ruinen und Fotos machen ohne ständig auf andere Touristen Rücksicht nehmen zu müssen. Diese Exklusivität wirkt sich auch auf die Preise aus – die ohnehin niedrigen Kosten bleiben stabil, da es keine ausgeprägte Hochsaison-Preisaufschläge gibt.
Was Familien einpacken sollten
Leichte, langärmelige Kleidung schützt vor Sonne und Mücken. Gutes Schuhwerk ist wichtig, da man über unebene Steinblöcke klettert. Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor und wiederverwendbare Wasserflaschen sind unverzichtbar – im Dorf gibt es Stationen mit gefiltertem Trinkwasser, wo man kostenlos nachfüllen kann. Eine kleine Reiseapotheke mit Durchfallmitteln, Pflastern und Insektenschutz sollte nicht fehlen. Viele Gästehäuser und Homestays stellen Moskitonetze bereit, aber ein eigenes gibt zusätzliche Sicherheit.
Bargeld ist essenziell, da es in Banteay Chhmar keine Geldautomaten gibt. US-Dollar werden akzeptiert, aber kleine Scheine in lokaler Währung erleichtern Einkäufe auf dem Markt. Eine Stirnlampe oder Taschenlampe ist nützlich, da die Stromversorgung gelegentlich ausfällt und die Tempelbesuche bei Sonnenaufgang oder -untergang besonders stimmungsvoll sind.
Banteay Chhmar bietet Familien die seltene Kombination aus bedeutendem kulturellem Erbe, authentischen Begegnungen und echtem Reisebudget-Freundlichkeit. Während anderswo die Tourismusinfrastruktur die lokale Kultur überlagert, erleben Besucher hier noch das echte Kambodscha. Kinder lernen dabei nicht nur über Geschichte, sondern auch über Bescheidenheit, Gastfreundschaft und die Freude an einfachen Dingen – Lektionen, die weit über den Urlaub hinaus wirken.
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