Warum deutsche Supermärkte nicht verraten wollen woher Ihre Kichererbsen kommen: Die versteckten Codes entschlüsselt

Kichererbsen haben sich in den letzten Jahren vom Nischenprodukt zum Supermarkt-Bestseller entwickelt. Ob als Basis für Hummus, in Currys oder als knuspriger Snack – die proteinreichen Hülsenfrüchte stehen bei vielen Verbrauchern regelmäßig auf dem Einkaufszettel. Doch während die gesundheitlichen Vorteile und vielfältigen Zubereitungsmöglichkeiten ausgiebig diskutiert werden, bleibt eine entscheidende Frage oft unbeantwortet: Woher kommen diese Kichererbsen eigentlich wirklich?

Die Herkunftskennzeichnung bei Hülsenfrüchten birgt zahlreiche Fallstricke, die selbst aufmerksame Käufer leicht übersehen. Anders als bei frischem Obst und Gemüse gelten für verarbeitete und verpackte Hülsenfrüchte deutlich lockerere Vorschriften. Das Ergebnis: Verpackungsdesigns und Werbeaussagen können einen völlig anderen Eindruck vermitteln als die tatsächliche geografische Herkunft des Produkts.

Der Unterschied zwischen Verpackungsort und Anbaugebiet

Ein grundlegendes Missverständnis entsteht häufig durch die Verwechslung verschiedener Angaben auf der Verpackung. Die Adresse des Vertreibers oder Verpackers sagt nichts über den Anbauort aus. Wenn auf einer Dose oder einem Beutel eine deutsche oder europäische Firmenadresse prangt, bedeutet dies lediglich, dass das Unternehmen hier seinen Sitz hat – nicht, dass die Kichererbsen auch hier angebaut wurden.

Tatsächlich werden Kichererbsen in Deutschland kaum kommerziell kultiviert. Die klimatischen Bedingungen sind für einen wirtschaftlich rentablen Anbau nur bedingt geeignet, da die wärmeliebende Pflanze viel Wärme benötigt und Feuchtigkeit nicht gut verträgt. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellt die Erlenbacher Ölmühle dar, die als einzigartiges Beispiel Kichererbsen in Deutschland anbaut. Ansonsten stammen die meisten Kichererbsen, die in europäischen Supermärkten landen, aus völlig anderen Regionen der Welt.

Hauptanbaugebiete und globale Lieferketten

Die größten Produzenten von Kichererbsen weltweit sind Indien, Australien, Pakistan, die Türkei und Myanmar. Indien ist dabei mit Abstand der größte Produzent und baut den überwiegenden Teil der weltweit verfügbaren Kichererbsen an. Innerhalb Europas spielen vor allem Spanien, Italien und der Süden Frankreichs eine Rolle im Anbau. Für deutsche Verbraucher kommen Kichererbsen hauptsächlich aus dem Mittelmeerraum – also der Türkei, Syrien, Nordafrika und Spanien.

Diese geografische Vielfalt macht die Rückverfolgbarkeit komplex, insbesondere wenn Kichererbsen verschiedener Herkünfte gemischt werden. In der Lebensmittelindustrie ist es durchaus üblich, Rohstoffe aus verschiedenen Ländern zu kombinieren, um Verfügbarkeit und Preise zu stabilisieren. Dies ist grundsätzlich nicht problematisch, sollte aber transparent kommuniziert werden. Für Verbraucher, die aus Gründen der Nachhaltigkeit, Qualitätspräferenzen oder ethischen Überlegungen Wert auf bestimmte Herkunftsländer legen, wird die Produktauswahl damit zur Detektivarbeit.

Was das Etikett verrät – und was nicht

Bei verpackten Kichererbsen ist die Suche nach der Herkunftsangabe oft frustrierend. Manche Hersteller geben die Information freiwillig an, andere verzichten völlig darauf. Für Hülsenfrüchte aus deutscher Landwirtschaft gibt es ein spezielles Rohstoff-Zeichen, das verwendet werden kann, wenn Anbau und Ernte in Deutschland stattfanden. Dieses Siegel ist jedoch freiwillig.

Wenn eine Herkunftsangabe vorhanden ist, findet sie sich meist im Kleingedruckten auf der Rückseite der Verpackung. Formulierungen wie „Ursprung: Türkei“ oder „Angebaut in Spanien“ sind eindeutig. Vorsicht ist jedoch geboten bei vagen Aussagen wie „Hergestellt in Deutschland“ oder „Verpackt in der EU“ – diese beziehen sich nur auf den Verarbeitungsschritt, nicht auf den Anbau.

Verschlüsselte Informationen im Zutatenverzeichnis

Manchmal verstecken sich Hinweise zur Herkunft in unerwarteten Bereichen der Verpackung. Bei konservierten oder vorgekochten Kichererbsen kann das Ursprungsland manchmal aus dem Veterinärkontroll- oder Identitätskennzeichen abgeleitet werden, das bei tierischen Produkten verpflichtend ist, bei pflanzlichen jedoch nicht einheitlich geregelt wird.

Die sogenannte Losnummer oder Chargennummer enthält produktionsspezifische Codes, die theoretisch eine Rückverfolgung ermöglichen. Praktisch ist dies für den durchschnittlichen Verbraucher aber kaum umsetzbar, da die Entschlüsselung dieser Codes spezielle Kenntnisse erfordert.

Bio-Siegel und geografische Herkunft

Ein verbreiteter Irrtum besteht darin, dass Bio-Produkte automatisch aus Europa oder Deutschland stammen. Das EU-Bio-Siegel garantiert lediglich, dass die ökologischen Standards der EU-Öko-Verordnung eingehalten wurden – unabhängig davon, ob das Produkt in Spanien, Indien oder Australien angebaut wurde.

Bei Bio-Kichererbsen sollte auf der Verpackung zusätzlich zum Bio-Siegel eine Angabe stehen wie „EU-Landwirtschaft“, „Nicht-EU-Landwirtschaft“ oder „EU-/Nicht-EU-Landwirtschaft“. Letzteres bedeutet, dass die Rohstoffe aus verschiedenen Regionen stammen und gemischt wurden. Für maximale Transparenz suchen kritische Verbraucher nach Produkten mit konkreten Länderangaben statt dieser Sammelbegriffe.

Direkter Kontakt als Informationsquelle

Wenn die Verpackung keine zufriedenstellenden Angaben liefert, bleibt der direkte Weg zum Hersteller. Die meisten größeren Lebensmittelproduzenten verfügen über Kundenservice-Hotlines oder E-Mail-Adressen, über die spezifische Fragen zur Herkunft beantwortet werden. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass die Auskunftsbereitschaft sehr unterschiedlich ausfällt. Während einige Unternehmen detaillierte Informationen über ihre Beschaffungsketten bereitstellen, antworten andere ausweichend oder verweisen auf Geschäftsgeheimnisse. Dennoch lohnt sich die Nachfrage – zum einen erhält man möglicherweise die gewünschte Information, zum anderen signalisiert die Nachfrage der Industrie, dass Verbraucher Wert auf Transparenz legen.

Regionale Alternativen und spezialisierte Anbieter

Wer besonderen Wert auf nachvollziehbare Herkunft legt, findet zunehmend Alternativen jenseits der Massenware. Kleinere Händler, die sich auf mediterrane oder orientalische Lebensmittel spezialisiert haben, können oft präzisere Angaben zu ihren Produkten machen. Auch Bioläden und Reformhäuser führen häufig Sortimente mit detaillierteren Herkunftsinformationen.

Ein wachsender Trend sind europäische Kichererbsen von kleinen bis mittelständischen landwirtschaftlichen Betrieben, die ihre Produkte über Direktvermarktung oder spezialisierte Händler vertreiben. Diese Produkte sind zwar oft teurer, bieten aber maximale Transparenz und unterstützen gleichzeitig den regionalen Anbau von Hülsenfrüchten.

Praktische Tipps für den bewussten Einkauf

Um beim nächsten Einkauf informierte Entscheidungen treffen zu können, helfen folgende Strategien:

  • Investieren Sie Zeit in das Lesen der Rückseite der Verpackung, nicht nur der werbewirksamen Vorderseite
  • Achten Sie auf konkrete Länderbezeichnungen statt vager Formulierungen wie „kontrollierte Qualität“
  • Vergleichen Sie verschiedene Produkte direkt im Supermarkt – oft gibt es große Unterschiede in der Informationsbereitschaft
  • Fotografieren Sie bei Interesse die Verpackung und recherchieren Sie zu Hause in Ruhe nach weiteren Informationen zum Hersteller
  • Nutzen Sie Apps zur Produkttransparenz, die zusätzliche Hintergrundinformationen zu Lebensmitteln liefern

Warum Herkunftstransparenz wichtig ist

Die Frage nach der geografischen Herkunft ist keine Nebensächlichkeit. Sie berührt Aspekte wie ökologische Fußabdrücke durch Transportwege, Arbeitsbedingungen in verschiedenen Anbauländern, Wasserverbrauch in teilweise ariden Regionen und die Unterstützung bestimmter landwirtschaftlicher Strukturen. Kichererbsen aus Ländern mit hohem Wasserstress werfen andere Nachhaltigkeitsfragen auf als solche aus Regionen mit ausreichend Niederschlag. Lange Transportwege per Schiff oder Flugzeug beeinflussen die Klimabilanz. Soziale Standards in der Landwirtschaft variieren erheblich zwischen verschiedenen Produktionsländern. All diese Faktoren können nur beurteilt werden, wenn die grundlegende Information über die Herkunft zugänglich ist.

Mit wachsendem Verbraucherbewusstsein reagiert auch die Lebensmittelindustrie zunehmend. Je mehr Käufer nach Herkunftsinformationen fragen und diese bei ihrer Kaufentscheidung berücksichtigen, desto größer wird der Anreiz für Hersteller, Transparenz als Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Der einzelne Einkauf mag wie ein Tropfen auf den heißen Stein erscheinen, aber kollektiv gesehen können bewusste Verbraucherentscheidungen durchaus Marktveränderungen bewirken. Die kleinen Schritte beim wöchentlichen Einkauf summieren sich zu einer kraftvollen Botschaft an die Lebensmittelindustrie: Transparenz ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für verantwortungsvollen Konsum.

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Kaufe nur regionale Produkte

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