Warum isst du eigentlich immer das Gleiche? Die Psychologie hinter deiner Food-Routine
Okay, Hand aufs Herz: Wie oft hast du diese Woche schon exakt dasselbe Frühstück gegessen? Und beim letzten Restaurant-Besuch – hast du vielleicht wieder die Nummer 17 bestellt, obwohl du dir geschworen hattest, endlich mal was Neues zu probieren? Falls ja, willkommen im Club der kulinarischen Wiederholungstäter. Wir sind viele, wir sind stolz, und wir haben absolut keine Lust, uns morgens um sieben mit der Frage zu quälen, ob heute ein Müsli-Tag oder ein Rührei-Tag ist.
Aber hier kommt der Plot-Twist: Was auf den ersten Blick nach purer Faulheit oder Gewohnheitstier-Energie aussieht, hat tatsächlich richtig fette psychologische Wurzeln. Und die reichen von „völlig normal und sogar clever“ bis zu „okay, vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“. Spoiler-Alarm: Die Grenze zwischen beidem ist fließender, als du denkst.
Dein Gehirn ist ein Geizhals – und das ist der Hauptgrund
Fangen wir mit der guten Nachricht an: Wenn du seit drei Jahren jeden Morgen Haferflocken mit Banane isst, bist du nicht kaputt. Du bist effizient. Dein Gehirn ist nämlich darauf programmiert, Energie zu sparen wo es nur geht. Und jede einzelne Entscheidung – selbst so eine scheinbar simple wie „Was esse ich heute?“ – kostet mentale Ressourcen.
Psychologen nennen das Decision Fatigue, also Entscheidungsmüdigkeit. Je mehr Entscheidungen du am Tag treffen musst, desto schlechter werden sie gegen Abend. Deshalb tragen manche erfolgreiche Menschen wie Steve Jobs immer das gleiche Outfit oder Mark Zuckerberg seinen ewigen grauen Hoodie. Die wollten ihre Gehirnkapazität für wichtigere Dinge aufsparen als die Frage „Jeans oder Chino?“.
Das gleiche Prinzip gilt fürs Essen. Wenn du weißt, dass dein Avocado-Toast jeden Morgen funktioniert, dich satt macht und gut schmeckt, warum solltest du dann überhaupt nachdenken? Du hast diese Entscheidung schon längst getroffen und kannst deine mentale Energie für echte Probleme nutzen – wie zum Beispiel die Frage, warum dein Chef dir schon wieder um 22 Uhr eine Mail schickt.
Wenn Routine zur Kontrollsucht wird – und du es nicht merkst
Bis hierhin klingt alles super praktisch und nachvollziehbar. Aber jetzt kommt der Teil, wo es interessant wird. Denn es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen „Ich esse gerne das Gleiche, weil es einfach ist“ und „Ich MUSS das Gleiche essen, sonst flippe ich aus“.
Wenn dein Supermarkt deinen Lieblingsjoghurt nicht vorrätig hat und du daraufhin echte Panik bekommst, sind wir nicht mehr im Bereich der praktischen Alltagsoptimierung. Wenn dir jemand vorschlägt, ein neues Restaurant auszuprobieren, und du sofort zehn Ausreden erfindest, warum das keine gute Idee ist, bewegen wir uns in psychologisch spannendem Terrain.
Studien zeigen, dass Menschen unter Stress besonders stark zu vertrauten Lebensmitteln greifen. Das ist evolutionär total sinnvoll: In unsicheren Zeiten wollen wir keine Risiken eingehen, auch nicht beim Essen. Wenn draußen alles chaotisch ist – stressiger Job, komplizierte Beziehung, globale Pandemie oder was auch immer – dann wird dein tägliches Käsebrot zum psychologischen Anker. Es ist das eine Ding in deinem Leben, das verlässlich ist.
Das Problem: Diese Bewältigungsstrategie kann sich verselbstständigen. Was als temporäre Sicherheitsmaßnahme begann, wird zur starren Regel. Und plötzlich ist deine Food-Routine nicht mehr eine Entscheidung, sondern ein Zwang.
Der Vermeidungs-Trick deines Gehirns
Hier wird es richtig wild. Denn manche Menschen essen nicht nur aus Gewohnheit immer das Gleiche – sie tun es aus Angst vor dem Neuen. Psychologen nennen das Vermeidungslernen oder Avoidance Learning. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich simpel: Dein Gehirn hat gelernt, dass das Vertraute sicher ist. Also vermeidet es automatisch alles, was neu und damit potentiell unsicher sein könnte.
Das kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Manche Leute haben Angst vor unbekannten Texturen. Andere fürchten, dass ihnen etwas nicht schmecken könnte und sie dann „Geld verschwendet“ haben. Wieder andere haben irrationale Sorgen entwickelt – zum Beispiel die Angst, an einem bestimmten Essen zu ersticken, obwohl sie nie eine schlechte Erfahrung damit gemacht haben.
Und hier kommt der fiese Teil: Jedes Mal, wenn du beim Vertrauten bleibst und damit die potenzielle Angst vorm Neuen vermeidest, belohnt dich dein Gehirn mit einem kleinen Dopamin-Schub. Du fühlst dich erleichtert, weil du der Unsicherheit ausgewichen bist. Psychologen nennen das negative Verstärkung – das Unangenehme wurde entfernt, also fühlt sich das Verhalten richtig an. Und beim nächsten Mal wird es noch wahrscheinlicher, dass du wieder so handelst. Ein klassischer Teufelskreis.
Wenn wählerisch zur Diagnose wird – ARFID und die Extreme
Jetzt kommen wir zum ernsteren Ende der Skala. Es gibt tatsächlich eine offizielle psychologische Diagnose für extrem eingeschränktes Essverhalten: ARFID steht für Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder, auf Deutsch nennt man es vermeidend-restriktive Essstörung.
Im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, dem Standardwerk der Psychiatrie, wird ARFID als Zustand beschrieben, bei dem Menschen fast alle Lebensmittel ablehnen außer einer winzigen Auswahl. Anders als bei Magersucht oder Bulimie geht es hier nicht ums Körperbild oder Gewicht. Die Betroffenen meiden Essen aus ganz anderen Gründen: Die Textur fühlt sich falsch an, der Geruch ist überwältigend, die Farbe ist weird, oder sie haben panische Angst vor Ersticken oder Erbrechen.
Menschen mit ARFID essen manchmal seit Jahren nur fünf oder sechs verschiedene Lebensmittel. Und wir reden hier nicht von „Montag Pasta, Dienstag Pizza, Mittwoch Burger“ – wir reden von „Nudeln ohne Sauce, weißes Toast und Chicken Nuggets. Sonst nichts. Niemals.“ Diese extreme Einschränkung kann zu ernsthafter Unterernährung und Nährstoffmangel führen.
Bevor du jetzt komplett ausflippst: ARFID ist eine klinische Diagnose. Die wird nur gestellt, wenn dein Essverhalten tatsächlich deinen Energiebedarf nicht mehr deckt, zu medizinischen Problemen führt oder dein soziales Leben massiv einschränkt. Wenn du einfach nur gerne viermal pro Woche die gleiche Pasta isst, hast du kein ARFID. Wenn du aber buchstäblich würgen musst, sobald jemand etwas Grünes auf deinen Teller legt, solltest du vielleicht mit einem Profi sprechen.
Der Persönlichkeits-Check: Was deine Food-Routine über dich verrät
Selbst wenn dein repetitives Essverhalten nicht in den klinischen Bereich fällt, sagt es trotzdem etwas über deine Persönlichkeit aus. Forschung zu den Big Five Persönlichkeitsmerkmalen zeigt nämlich einen klaren Zusammenhang zwischen Charaktereigenschaften und Essverhalten.
Menschen mit hoher Gewissenhaftigkeit – also die organisierten, pflichtbewussten, strukturierten Typen – lieben Routinen. In allen Lebensbereichen. Auch beim Essen. Sie schätzen Vorhersehbarkeit und Effizienz. Für sie ist die immer gleiche Mahlzeit keine langweilige Wiederholung, sondern ein beruhigendes Ritual.
Auf der anderen Seite gibt es die Menschen mit hoher Offenheit für Erfahrungen. Das sind die Leute, die ständig neue Restaurants ausprobieren, sich durch exotische Speisekarten arbeiten und bei denen die Instagram-Story hauptsächlich aus Food-Fotos besteht. Für die ist Wiederholung der absolute Horror.
Wenn du zur ersten Kategorie gehörst, bist du wahrscheinlich auch sonst eher risikoavers und magst klare Strukturen. Das ist nicht gut oder schlecht – das ist einfach Teil dessen, wer du bist. Problematisch wird es erst, wenn diese Rigidität deine Lebensqualität einschränkt oder dich von Erfahrungen abhält, die du vielleicht genießen würdest.
Die unbequeme Wahrheit: Erkennst du dich hier wieder?
Zeit für brutale Ehrlichkeit. Lies die folgenden Aussagen und zähle mit, wie viele auf dich zutreffen:
- Du bestellst im Restaurant immer dasselbe, selbst wenn dich andere Gerichte interessieren. Du hast einfach zu viel Angst davor, enttäuscht zu werden.
- Deine Einkaufsliste hat sich in den letzten Jahren praktisch nicht verändert. Du kaufst die gleichen zwanzig Produkte in einer Endlosschleife.
- Wenn jemand vorschlägt, etwas Neues auszuprobieren, fühlst du dich unwohl oder sogar ängstlich. Du suchst aktiv nach Ausreden, um bei deinem Gewohnten zu bleiben.
- Du hast bestimmte sichere Lebensmittel, zu denen du in Stresssituationen greifst. Diese Komfortfoods sind immer die gleichen und haben fast rituellen Charakter.
- Wenn dein gewohntes Essen nicht verfügbar ist, empfindest du nicht nur Enttäuschung, sondern echtes Unbehagen oder sogar Irritation.
Wenn du bei drei oder mehr Punkten genickt hast, ist dein repetitives Essverhalten möglicherweise mehr als nur eine praktische Gewohnheit. Es könnte ein Hinweis auf ein tieferes Bedürfnis nach Kontrolle sein, auf Vermeidungsverhalten oder auf eine Persönlichkeitsstruktur, die mit Unsicherheit und Flexibilität Schwierigkeiten hat.
Muss ich jetzt in Panik geraten?
Kurze Antwort: Nein. Lange Antwort: Es kommt drauf an.
Solange dein Essverhalten dich nicht gesundheitlich beeinträchtigt, deine Beziehungen nicht darunter leiden und du selbst nicht unter der eingeschränkten Auswahl leidest, ist alles gut. Du bist einfach jemand, der Routinen mag. Das ist für Millionen von Menschen völlig normal.
Aber wenn du merkst, dass Angst eine Rolle spielt – wenn du soziale Situationen vermeidest, weil dort nicht dein gewohntes Essen serviert wird, oder wenn du panisch wirst, sobald deine Routine unterbrochen wird – dann könnte es sinnvoll sein, darüber nachzudenken.
Die gute Nachricht: Man kann daran arbeiten. Therapeuten nutzen bei restriktivem Essverhalten oft kognitive Verhaltenstherapie mit schrittweiser Exposition. Das bedeutet: Du machst winzige, kontrollierte Schritte aus deiner Komfortzone heraus. Keine Revolution, nur Evolution.
Versuch mal ein neues Lebensmittel, das deinem gewohnten sehr ähnlich ist. Wenn du immer Spaghetti Carbonara isst, probiere Spaghetti Aglio e Olio. Wenn du immer die gleichen Cornflakes isst, füge mal Erdbeeren hinzu. Baby Steps. Du behältst die Kontrolle, du bestimmst das Tempo.
Der Trick ist, deinem Gehirn beizubringen, dass Neues nicht bedrohlich ist. Mit der Zeit lernst du, dass Variation nicht Chaos bedeutet, sondern Bereicherung sein kann.
Das Fazit ohne erhobenen Zeigefinger
Repetitives Essverhalten ist ein faszinierendes Spektrum. Auf der einen Seite steht praktische Effizienz und Energiesparen. In der Mitte finden wir Komfortstrategien und Persönlichkeitsmerkmale. Und am anderen Ende lauert tatsächlich klinisch relevantes Vermeidungsverhalten.
Die meisten von uns bewegen sich irgendwo in der Mitte. Wir haben unsere Lieblingsgerichte, unsere Routinen, unsere sicheren Optionen. Und das ist völlig okay. Solange wir flexibel genug bleiben, um uns anzupassen, wenn es nötig ist, und solange wir nicht von Angst gesteuert werden, gibt es keinen Grund zur Sorge.
Aber es lohnt sich, ab und zu innezuhalten und sich ehrlich zu fragen: Esse ich das, weil ich es wirklich liebe? Oder esse ich das, weil ich Angst vor allem anderen habe? Die Antwort auf diese Frage könnte dir mehr über deine Psyche verraten, als du vielleicht dachtest.
Und wer weiß – vielleicht ist das ja der kleine Schubs, den du brauchst, um beim nächsten Restaurant-Besuch mal nicht die Nummer 17 zu bestellen. Vielleicht probierst du die Nummer 22. Oder, ganz verrückt, du fragst den Kellner nach einer Empfehlung. Das Leben ist zu kurz für endlose Wiederholungen. Außer bei deiner Lieblingsserie. Die darfst du so oft schauen, wie du willst.
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