Ihr Ketchup kommt nicht aus Europa: Was 70 Prozent aller Hersteller auf dem Etikett verschweigen

Beim Griff zum Ketchup im Supermarkt achten die meisten Verbraucher vor allem auf eines: den Preis. Besonders Sonderangebote locken mit Rabatten von 30, 40 oder gar 50 Prozent. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt auf den Etiketten dieser Aktionsware oft überraschende Herkunftsangaben. Statt aus heimischen Gefilden stammen die Tomaten für den günstigen Ketchup häufig aus weit entfernten Ländern wie China, der Türkei oder den USA. Diese Beobachtung wirft grundlegende Fragen auf: Warum wandern Tomatenprodukte über Tausende Kilometer, wenn doch auch in Deutschland und Europa Tomaten angebaut werden?

Die globale Reise der Tomate

Tomaten für industriell hergestellten Ketchup durchlaufen einen komplexen Produktionsprozess. Anders als frische Tomaten aus dem Gemüseregal werden sie nicht als ganze Früchte transportiert, sondern zunächst zu Tomatenmark verarbeitet. Dieses konzentrierte Produkt lässt sich deutlich kostengünstiger über weite Strecken transportieren und bildet die Grundlage für Ketchup weltweit.

Die Hauptproduktionsländer für Tomatenmark befinden sich dort, wo industrielle Landwirtschaft auf günstige Arbeitskräfte und klimatische Bedingungen trifft. China beispielsweise produziert über ein Drittel der weltweiten Tomatenproduktion, gefolgt von Italien, den USA und der Türkei. Das Rohmaterial für europäischen Ketchup stammt also keineswegs automatisch aus regionaler Produktion.

Preisdruck treibt Händler zu fernen Lieferanten

Sonderangebote im Lebensmitteleinzelhandel entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis knallharter Verhandlungen zwischen Händlern und Herstellern. Um besonders aggressive Preisaktionen umzusetzen, greifen Produzenten häufig auf Rohstoffe aus Ländern mit niedrigeren Produktionskosten zurück.

Die Kostenunterschiede sind erheblich: Während in Deutschland und anderen EU-Ländern strenge Umweltauflagen, Mindestlöhne und soziale Standards gelten, produzieren Betriebe in manchen Exportländern unter deutlich anderen Bedingungen. Hinzu kommen niedrigere Energie- und Wasserkosten sowie größere Anbauflächen, die Skaleneffekte ermöglichen.

Warum regionale Tomaten teurer sind

Deutsche und europäische Tomatenproduzenten können mit den internationalen Preisen oft nicht konkurrieren. Deutschland versorgt sich lediglich zu rund 3,5 Prozent selbst mit Tomaten, der Rest wird importiert, hauptsächlich aus den Niederlanden, Spanien, Marokko und Italien. Höhere Lohnkosten schlagen sich in allen Produktionsstufen nieder, strengere Umweltauflagen für Pestizideinsatz und Wassernutzung treiben die Kosten zusätzlich in die Höhe. Kleinere Betriebsgrößen verhindern eine vergleichbare Massenproduktion, und kürzere Anbausaisons durch klimatische Bedingungen sowie höhere Energiekosten für Gewächshäuser und Verarbeitung verschärfen die Situation weiter.

Diese Faktoren schlagen sich direkt im Endpreis nieder. Ein Ketchup aus regional angebauten Tomaten kostet in der Herstellung schlichtweg mehr als ein Produkt auf Basis importierten Tomatenmarks. Wer bereit ist, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, unterstützt damit nicht nur heimische Produzenten, sondern auch höhere Standards in der Lebensmittelproduktion.

Das Etiketten-Rätsel: Was die Herkunftsangaben verraten

Verbraucher, die die Herkunft ihres Ketchups nachvollziehen möchten, stehen vor einer Herausforderung. Die Kennzeichnungspflicht für verarbeitete Lebensmittel ist deutlich weniger streng als bei frischen Produkten. Während bei Obst und Gemüse das Ursprungsland angegeben werden muss, gilt dies für Tomatenmark in verarbeiteten Produkten nicht zwingend.

Tatsächlich zeigt eine Untersuchung von Greenpeace aus dem Jahr 2024 ein erschreckendes Bild: Bei rund 70 Prozent der geprüften Ketchup-Produkte bleibt die Herkunft der Tomaten unklar. Nur bei 10 Prozent der Produkte wird die Herkunft der Tomaten auf der Verpackung überhaupt angegeben. Selbst bekannte Marken geben häufig keine Auskunft über die Herkunftsländer ihrer Rohstoffe.

Manche Hersteller geben freiwillig die Herkunft der Tomaten an, doch diese Angaben finden sich meist im Kleingedruckten. Formulierungen wie „Tomaten aus europäischem Anbau“ klingen zunächst regional, schließen aber beispielsweise Spanien, Italien oder Griechenland ein. „Hergestellt in Deutschland“ bezieht sich lediglich auf den Abfüllort, nicht auf die Herkunft der Rohstoffe. Diese Verschleierungstaktiken machen es Verbrauchern unnötig schwer, informierte Kaufentscheidungen zu treffen.

Dabei gibt es seit dem 1. April 2020 eine EU-Verpflichtung, wonach Hersteller die Herkunft wesentlicher Zutaten angeben müssen, wenn diese nicht aus dem gleichen Land stammen wie das Endprodukt. Diese Vorschrift wird jedoch häufig nicht eingehalten oder umgangen, was zeigt, dass gesetzliche Regelungen allein nicht ausreichen.

Ökologische Aspekte der globalen Ketchup-Produktion

Die weiten Transportwege von Tomatenmark werfen ökologische Fragen auf. Der CO2-Fußabdruck eines Produkts hängt maßgeblich von der Transportdistanz und den verwendeten Verkehrsmitteln ab. Schiffstransporte aus Übersee sind zwar relativ effizient pro Tonne Fracht, summieren sich aber bei den riesigen Mengen.

Allerdings gestaltet sich die Ökobilanz komplexer als zunächst vermutet. Tomaten aus beheizten Gewächshäusern in Nordeuropa können einen höheren Energieverbrauch aufweisen als Freilandtomaten aus dem Mittelmeerraum oder sogar aus Übersee. Wasserverbrauch spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle: Ein Kilogramm Ketchup benötigt etwa 500 Liter Wasser in allen Produktionsprozessen. Dabei gibt es erhebliche regionale Unterschiede – ein Kilogramm österreichischer Tomaten hat einen Wasser-Fußabdruck von nur 33 Litern, während der globale Schnitt bei 214 Litern liegt. Besonders in trockenen Regionen belastet intensiver Tomatenanbau die lokalen Wasserressourcen dramatisch.

Was Verbraucher tun können

Wer bewusst zu Ketchup mit regionaler oder zumindest europäischer Herkunft greifen möchte, muss etwas Detektivarbeit leisten. Die Produktbeschreibung sollte sorgfältig gelesen werden, insbesondere die Zutatenliste und eventuelle Herkunftsangaben. Manchmal verstecken sich wichtige Informationen in unscheinbaren Hinweisen auf der Rückseite der Verpackung.

Produkte aus dem Bio-Segment geben häufiger Auskunft über die Tomatenherkunft, da Transparenz hier zum Konzept gehört. Allerdings bedeutet „bio“ nicht automatisch „regional“ – auch ökologisch angebaute Tomaten können weite Wege zurückgelegt haben. Der Bio-Anteil bei Ketchup im Einzelhandel liegt im Durchschnitt bei nur 13 Prozent, was zeigt, dass hier noch viel Luft nach oben ist.

Preisbereitschaft und realistische Erwartungen

Verbraucher müssen sich bewusst machen, dass echte Regionalität ihren Preis hat. Ein Ketchup aus heimischen oder zumindest südeuropäischen Tomaten wird nicht für 0,99 Euro im Sonderangebot zu haben sein. Die Mehrkosten reflektieren faire Löhne, höhere Umweltstandards und kürzere Lieferketten – Werte, die vielen Menschen wichtig sind, aber eben auch finanziert werden müssen.

Bei der Wahl des richtigen Produkts lohnt sich ein Blick auf die Zutatenliste: Bei klassischen Ketchup-Rezepturen macht Zucker etwa ein Fünftel des Produkts aus und steht in der Zutatenliste fast immer an zweiter Stelle nach den Tomaten. In einer typischen 1-Kilogramm-Flasche stecken etwa 42 Würfelzucker – eine Zahl, die manchen Konsumenten überraschen dürfte.

Die Rolle der Handelsketten

Supermärkte könnten durch ihre Einkaufsmacht die Herkunft von Ketchup-Rohstoffen beeinflussen. Einige Händler haben bereits Programme für regionalisierte Eigenmarken aufgelegt. Diese Initiativen zeigen, dass Nachfrage und Transparenz durchaus zu Veränderungen führen können. Je mehr Konsumenten sich für die Herkunft interessieren, desto stärker werden Handelsketten reagieren.

Verbraucher können durch ihr Kaufverhalten signalisieren, dass Herkunft ein wichtiges Kriterium darstellt. Nachfragen beim Kundenservice oder direkte Rückmeldungen an Hersteller schaffen Aufmerksamkeit für das Thema. Social Media bietet zusätzliche Möglichkeiten, Druck auf Unternehmen auszuüben und Transparenz einzufordern.

Die Frage nach der Herkunft von Ketchup mag zunächst trivial erscheinen. Doch sie berührt grundlegende Themen unserer globalisierten Lebensmittelproduktion: Wie viel Transparenz können Verbraucher erwarten? Welchen Preis hat Regionalität? Und wie lassen sich ökonomische Zwänge mit ökologischen und sozialen Standards vereinbaren? Beim nächsten Gang durch den Supermarkt lohnt sich ein genauerer Blick auf die Rückseite der Ketchup-Flasche – die Antworten dort sind oft überraschender als die rote Farbe des Inhalts vermuten lässt.

Woher stammen die Tomaten in deinem Ketchup?
Keine Ahnung ehrlich gesagt
China oder Türkei vermutlich
Hoffentlich aus Europa
Deutschland wäre mir wichtig
Ist mir relativ egal

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